1980 Erinnerungen von P. Klaus Dettke

Erinnerungen von Pastor Klaus Dettke

Erinnerungen, wo das KZ-Außenlager in Engerhafe Seelsorge und Gemeindearbeit von Pastor Klaus Dettke berührt haben in der Zeit von 1980–1989:

Als ich 1980 als junger Pastor nach Engerhafe kam, wusste ich zunächst nichts von dem KZ-Außenlager. Im Laufe der Zeit ergaben Andeutungen in Gesprächen, dass noch einige Augenzeugen sich erinnerten. Meist waren es Gemeindeglieder, die während des Bestehens des Lagers als Kinder auf ihrem Schulweg zur damaligen Engerhafer Schule (Achterumsweg) am Lager vorbei kamen. „Unsern Eltern durften wir nicht erzählen, dass wir manches Mal unsere Schulbrote über den Zaun warfen, weil uns die hungrig aussehenden Gefangenen leid taten.“ So oder ähnlich haben mir einige Menschen erzählt. Und ich spürte noch nach über 40 Jahren die Scham darüber, dass so etwas in ihrem Lebensumfeld geschehen ist.

Eine neue Qualität bekam der Umgang mit dieser Vergangenheit durch die vielbeachtete Rede des damaligen Bundepräsidenten Richard von Weizsäcker zum 40. Jahrestag nach Kriegsende, am 8. Mai 1945. Darin sagte er u.a.:

„Vierzig Jahre spielen in der Zeitspanne von Menschenleben und Völkerschicksalen eine große Rolle. Auch hier erlauben Sie mir noch einmal einen Blick auf das Alte Testament, das für jeden Menschen, unabhängig von seinem Glauben, tiefe Einsichten aufbewahrt. Dort spielen vierzig Jahre eine häufig wiederkehrende, eine wesentliche Rolle. Vierzig Jahre sollte Israel in der Wüste bleiben, bevor der neue Abschnitt in der Geschichte mit dem Einzug ins verheißene Land begann. Vierzig Jahre waren notwendig für einen vollständigen Wechsel der damals verantwortlichen Vätergeneration.“

Vierzig Jahre waren offenbar auch nötig, um in Engerhafe einen Gottesdienst zu feiern, der dem ernsten Erinnern galt. Im Kirchenkreis Aurich hatte sich eine Arbeitsgruppe gebildet. Intensiv wurde beraten, wie dieser Tag angemessen gestaltet werden sollte. Ich sollte für den Gottesdienst in Engerhafe zuständig sein. Was sollte ich als junger Pastor da sagen? Wer konnte da unterstützen?

Dann kam der 8. Mai 1985. Morgens hielt der Bundespräsident seine Rede im Bundestag in Bonn. In der Auricher Fußgängerzone hielten Mitglieder der christlichen Friedensgruppe und „Pax Christi“ von 6.00 bis 18.00 Uhr eine Mahnwache. Um 18.15 Uhr gestalteten verschiedene Gruppen der Auricher christlichen Gemeinden in der Lambertikirche einen ökumenischen Gottesdienst. Im Anschluss daran formierte sich ein Schweigemarsch durch Aurich: Burgstraße – Kleine Mühlenwallstraße – Marktstraße – Lilienstraße – Kirchstraße – Burgstraße – Bahnhofstraße – Bahnhof. Um 20.15 Uhr fuhren die Teilnehmenden mit Bussen bis Georgsheil. Von dort gingen sie zu Fuß nach Engerhafe, im symbolischen Nachvollziehen früherer Elendsmärsche von Insassen des Konzentrationslagers Engerhafe.

In der Engerhafer Kirche luden die christlichen Gruppen zusammen mit der Kirchengemeinde zu einem Gottesdienst (siehe Gottesdienstablauf und Predigt) ein. Ich hielt eine kurze Predigt. Eindrücklich war für mich, dass die schlichte Beichtfeier und das gemeinsame Abendmahl erste Schritte für einen Weg eröffnete aus der belastenden Vergangenheit.

Im Sommer dieses Jahres 1985 lud der Kirchenvorstand Überlebende des KZ-Lagers ein nach Engerhafe. Es waren Männer aus Belgien und Holland. Sie nahmen an einem Gottesdienst teil. Besonders beeindruckend war für mich, dass uns in ihnen keine Bitterkeit begegnete, sondern der Wunsch nach Versöhnung. In persönlichen Gesprächen vertiefte sich das. Manche Gemeindeglieder waren dadurch tief berührt.

Es war wie die Fortsetzung der Rede von R. von Weizsäcker, die mit dem Satz schloss: „Schauen wir am heutigen 8. Mai, so gut wir können, der Wahrheit ins Auge“.

Pastor Klaus Dettke, Kloster Bursfelde

Gottesdienstablauf, 8. Mai 1985 in Engerhafe

Begrüßung
Orgel: „Nocturne“ (1977) von Germaine Tailleferre (1892–1983)
Lesung: „1.Menschen gehen zu Gott in ihrer Not, flehen um Hilfe, bitten um Glück und Brot, um Errettung aus Krankheit, Schuld und Tod. So tun sie alle, alle, Christen und Heiden.
2. Menschen gehen zu Gott in seiner Not, finden ihn arm, geschmäht, ohne Obdach und Brot, sehn ihn verschlungen von Sünde, Schwachheit und Tod. Christen stehen bei Gott in seinen Leiden.
3. Gott geht zu allen Menschen in ihrer Not, sättigt den Leib und die Seele mit seinem Brot, stirbt für Christen und Heiden den Kreuzestod, und vergibt ihnen beiden.“
(Dietrich Bonhoeffer, zitiert bei: Eberhard Bethge, Bonhoeffer, Rowohlt, 1982, S. 119f.)
Orgel:  „Nachtstück“ von Wolfgang Sansing (geb. 1956)
Chor: „Kyrie“ – Kanon von Wolfgang Beuerle
„Das Weizenkorn muß sterben“ – Text von Lothar Zenetti
Melodie / Orgel von h. Beuerle
Gemeinde: 126, 1 – 4 (Herr Jesu Christ, dich zu uns wend…/ Alle Nr. aus altem Gesangbuch)
Kurzansprache
Gemeinde: 185, 1 – 4 (Herr, der du vormals hast dein Land mit Gnaden angeblicket…)
Beichte:  Pslam 51 – Stille – Vater unser
Gemeinde: 159, 1 – 3 (Das sollt ihr, Jesu Jünger, nie vergessen…)
Abendmahl
Gebet
Segen
Gemeinde: 258, 1 – 4 (Herr Jesu, Gnadensonne…)
Orgel: Nachspiel in d von Helmut Bornefeld (1974)
An der Orgel: Horst Grafenburg
Liturgie und Ansprache: Klaus Dettke

Ansprache, 8. Mai 1985 in Engerhafe, Pastor Klaus Dettke

 Lukas 23, 33 + 34a;
Und als sie kamen an die Stätte, die da heißt Schädelstätte, kreuzigten sie ihn dort und die Übeltäter mit ihm, einen zur Rechten und einen zur Linken. Jesus aber sprach: „Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun!“
2. Korinther 5;
Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung.

Liebe Gemeinde!
Als heute vor 40 Jahren der 2. Weltkrieg zuende ging, wurde vielen Menschen erst das Ausmaß der wahnsinnigen Zerstörung bewusst:

  • Mehr als 50 Millionen Tote – unvorstellbar!
  • Verwüstete Dörfer und Städte
  • Flüchtlingselend
  • Qualvolle Verwundungen, äußerlich und innerlich
  • Erniedrigende Gefangenschaft

Das größte Entsetzen riefen aber die Enthüllungen von der systematischen Vernichtung Andersdenkender und des jüdischen Volkes in den KZs hervor. Das Denkmal für die gefallenen Soldaten und der KZ-Friedhof erinnern uns hier in Engerhafe seit vielen Jahren an die Verbrechen dieser Zeit. Viele Einwohner von Engerhafe, Georgsheil und Aurich werden die grauenvollen Bilder der Elendszüge von Gefangenen nicht mehr los, die einige Monate ungefähr den Weg getrieben wurden, den viele von uns heute nachgegangen sind. Wir dürfen uns aber nicht nur an das Elend erinnern. Manch einer in dieser Gemeinde hat damals dagegen seine Stimme erhoben, gegen die Folter der Häftlinge, gegen die unmenschliche Behandlung und die Lebensbedingungen, die im Lager herrschten. Manch einer hat unter Androhung der eigenen Inhaftierung versucht, den Häftlingen Brot oder andere Lebensmittel zukommen zu lassen.

Manch einer hat das nicht allein aus Zivilcourage getan, sondern aus dem Mut, den er im Glauben an Jesus Christus fand. Und doch bleiben viele Fragen:
Ist genug getan worden?
Hätte nicht wirkungsvoller widerstanden werden müssen?
Wie gehen wir heute mit dem für uns bis zur Stunde unvorstellbaren Leid um, das Menschen über andere Menschen gebracht haben?
Und vor allem: welche Position nehmen wir dabei ein, gerade auch wir, die wir damals Kinder waren oder erst danach geboren wurden?
Die Position des Historikers, in dem wir die geistesgeschichtlichen Wurzeln im 19. Jahrhundert aufspüren, indem wir die sozialen und politischen Verhältnisse untersuchen, die zur NS-Zeit führten?
Oder die Position des Richters, der verklagt, der immer nur der Schuld der andern auf der Spur ist?
Oder die Position des Überheblichen, der sagt: „Ich hätte damals nie mitgemacht! Wie konntet ihr nur?“
Oder die Position dessen, der nichts mehr davon hören will, der verharmlost oder verdrängt?

Für mich gibt es nur die Position des Glaubens, die mich allein einen klaren und nüchternen Blick gewinnen lässt. Von der Position des Glaubens aus kann ich in kompromissloser Deutlichkeit sehen, wer der Mensch ist und nicht wie ich ihn gerne hätte; da kann ich sehen, wer ich bin und nicht nur wie ich mich gerne hätte; da kann ich sehen, was in uns Menschen steckt und wozu wir, jede/r, fähig sind. Von der Position des Glaubens sehe ich in kompromissloser Deutlichkeit Abgründe, Tiefen, ja die Hölle, die in uns Menschen steckt. Die unfassbaren und zerstörenden Mächte, die in einem Menschen aufbrechen können.
Der Philosoph Sartre schreibt: Die Hölle, das sind die anderen.
Ich glaube: Die Hölle können auch wir für andere sein. Und diese Hölle ist oft unter der dünnen Decke der Selbstbeherrschung verborgen. Manchmal bricht sie durch, wie die Lavamasse glühend und vernichtend aus dem Innersten eines Vulkans. Das passiert in Hass und Streit und Mord bei Einzelnen. Das geschah in einem furchtbaren Maß im 3. Reich. Dies Position, dies Sicht des Glaubens wird an einer Stelle gewonnen, am Kreuz Jesu. Es lohnt, sich einen Augenblick die Szene vor das innere Auge zu holen:
Der Hügel Golgatha, ein Steinbruch vor der Stadt Jerusalem, eine Hinrichtungsstätte. Da sind vor Jesus schon viele furchtbar gestorben.

Da stehen drei Kreuze. Rechts und links je ein Schwerverbrecher. In der Mitte Jesus, verurteilt, für alles, wozu Menschen fähig sind; verurteilt aus Liebe zu Ihnen und mir, zu allen Menschen. Jesus lässt alle Abwehr seiner Person, alles Nein zu sich zu, weil er sein bedingungsloses Ja zu uns nicht zurücknehmen will. Und als Jesus gekreuzigt ist, das Hinrichtungskommando seine Sachen packt, da betet er über den Soldaten, für seine Henker, für alle Menschen, auch für uns:
„Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“
So sind wir offenbar: wir wissen nicht, was wir tun.

Am Kreuz Jesu wird kompromisslos deutlich, wer wir Menschen sind. Da hört alle Verstellung auf, da wird gleichsam die Maske vom Gesicht gerissen, das wahre Gesicht des Menschen gezeigt: sie wissen nicht, was sie tun. Es geht nicht um ein Wissen im informativen Sinne, sondern um Wissen, was uns im Tiefsten treibt zu unserm Tun. „Sie wissen nicht, was sie tun“. Welch ein Urteil über Kriege, KZs und die Brutalität, zu der Menschen fähig sind.
„Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“
Da sind junge Männer voller Energie und Ideale in den Krieg gezogen. Und Jesus betet: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“

Da haben viele gewusst und geschwiegen und zugesehen wie Unrecht geschieht und aus Angst nichts getan. Und Jesus betet: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“ Da sehen wir heute Unrecht, sehen wie im Rausch des Fortschritts unser Globus geplündert wird. Und Jesus betet: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“ Oder haben wir von Anfang an gewusst, was wir da tun?

Da rüsten wir für Milliarden und Abermilliarden auf und geben Unsummen für die Vernichtung von Nahrungsmitteln aus und täglich verhungern tausende von Menschen. Und Jesus betet: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“ Oder wissen wir wirklich, was wir da tun? Und in jedem von uns steckt der Trieb, sich selbst zu verwirklichen, wenn nötig auf Kosten anderer. Wir streben nach Macht, wollen unsere Meinung, unsere Sicht der Dinge durchsetzen, wollen Recht behalten. Und Jesus betet: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“ Oder wissen wir wirklich, was wir da tun?, wenn wir in Auseinandersetzungen gehen, gegen andere arbeiten, uns wegen Kleinigkeiten zerstreiten, über andere reden, wenn wir dem Hass in uns freien Lauf lassen.

Und Jesus bittet für uns und damit besiegt er die Wahrheit über uns, dass wir nicht wissen, was wir tun. Jesus weiß, was er tut am Kreuz. Er trennt sich nicht von uns, obwohl er uns kennt. Er hält zu uns. Er geht in unsere Tiefe, unsere Abgründe, in unsere Hölle. In diesen Tagen ist oft von Versöhnung die Rede. Superintendent Diekmann hat es bereits im ökumenischen Gottesdienst in Aurich angezeigt. Gott ist es blutiger Ernst. Er lässt sich die Versöhnung mit uns sein Leben kosten: Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu.

Seitdem der Gekreuzigte auferstanden ist, geht von ihm eine unfassbare Kraft aus:
Kraft, die uns mit Gott versöhnt
Kraft, die uns mit Feinden versöhnt
Kraft, mit der wir Frieden stiften können
Mut, eigenes Versagen, eigene Schuld einzugestehen
Mut, zu vergeben.

Lasst uns heute Ja sagen zu Jesu Gebet: Jesus betet für mich! Jesus betet für Dich! Lasst uns einander so begegnen.

Amen.