1769 Die Kinder des Harmen Lübben

In der Kirchengemeinde Engerhafe gab es in den weitläufigen und schwer zu erreichbaren Moorgebieten Familien, die fern vom Dorfvogt und Pastor ohne Trauschein zusammen lebten. Die große wirtschaftliche Not zur Zeit der Erstbesiedlung der Moorgebiete, verführte zu Diebstahl und Raub. In den Kirchenbücher von Engerhafe findet man Eintragungen davon.

Harmen Lübben, von dessen Familie hier berichtet wird, stammt aus dem Kirchspiel Victorbur und wird dort 1713 getauft. Sein Vater, Lübbe Tjaden ist in Victorbur Warfsmann und wir wissen, dass sein Opa Tyaden ebenfalls in Victorbur wohnte. Seine Frau Mareke Frerichs, die er 1741 in Engerhafe heiratet, wurde 1717 ebenfalls in Victorbur geboren, ihr Vater zog später mit der Stiefmutter nach Moorhusen. Die Moorhäuser dürften laut Martin Wilken etwa da gestanden haben, wo sich die alte Schule von Moorhusen (Rüskeweg 71) befand. Von Harmen Lübben gibt es meines Wissens keine besonderen Berichte, erst seine Kinder und Schwiegerkinder fallen negativ auf. Harmen Lübben wird 1768 mit einem Haus am Mühlenweg 3 in Moorhusen erwähnt, er war 1761 schon verstorben aber es ist nicht ungewöhnlich, dass sein Name in den Besitzerlisten noch weitergeführt wird. Er ist auf dem Friedhof in Engerhafe beerdigt worden, seine Frau stirbt 1788 und findet ebenfalls ihre letzte Ruhestätte in Engerhafe. Sie hatten 7 Kinder, zu mehreren Kindern gibt es Anmerkungen in den Engerhafer Kirchenbüchern. Harmen Lübben hat das Moor noch vor dem Urbarmachungsedikt vom 22. Juli 1765 besiedelt. Es war ein Erlass des preußischen Königs Friedrich II., um die Moorflächen in Ostfriesland zu kolonisieren.

Im Kirchspiel Engerhafe gab es Moore und Ödflächen nördlich von Fehnhusen, Oldeborg und Upende und östlich von Upende. Das Gebiet östlich von Upende, das die heutigen Orte Münkeboe und Moorhusen umfasst, wurde schon vor 1500 zur Torfgewinnung und als Viehweide genutzt. Vereinzelt siedelten sich hier auch Menschen an. Die Besitzverhältnisse waren hier nicht geklärt.

Die Hofbesitzer in Fehnhusen, Oldeborg und Upende beanspruchten die Moorflächen hinter ihren Höfen nach dem alten ostfriesischen Upstreeksrecht als ihr Eigentum. Nach diesem Recht konnten sie das Moor in gerader Linie hinter ihrem Hof so lange abbauen und das freigewordene Land in ihren Besitz übernehmen und beackern, bis sie an eine natürliche Grenze stießen. Das war in diesem Fall der Weg von Moorhusen nach Siegelsum und Marienhafe, die heutigen Straßen Siegelsumer Moorweg und die Moorburger Straße. In Fehnhusen ist der Upstreek am kürzesten, hier war das Moor schon abgebaut als 1765 das Urbarmachungsedikt erlassen wurde. Es haben sich hier keine Kolonisten mehr ansiedeln können und deshalb befanden sich hinter Fehnhusen, auf der Südbrookmerländer Seite damals keine Häuser. Bei den Upstreeken hinter Oldeborg (ab Siegelsumer Moorweg 45) muss allerdings noch Ödland gewesen sein, dass die Bauern nach dem Urbarmachungsedikt nicht mehr für sich beanspruchen konnten. Hier haben sich dann Kolonisten ansiedeln können.

Als die Kinder von Harmen Lübben sich verheiraten und Familien bilden, können sie mit Hilfe des Edikts Moorflächen zur Besiedlung erhalten. Sie siedeln in dem Gebiet des heutigen Orts Moorhusen und an den Oldeborger und Upender Äckern (achter Ackers) an.

Das erstgeborene Kind ist Fraucke Harms, sie wird am 25. August 1742 geboren und heiratete in erster Ehe am 31. März 1769 in Engerhafe Gerd Folts. Er ist 1748 in Moorhusen geboren und Soldat gewesen. Nach den im Staatsarchiv zu Aurich liegenden Akten erhielt 1770 der Musketier Gerd Folts am langen Reck zwischen Upende und Moorhusen (Moorhuser Dorfstraße 1) ein Stück Heidfeld von 4 Diemat in Erbpacht. Neben ihm siedelte sich Wilt Carstiens an, der 2 Diemat Leegmoor in Erbpacht bekam. Beide Kolonate lagen nördlich des Weges von Moorhusen nach Upgant, heute noch “Langereck“ genannt. Ein Jahr später sollte Cornelius Jacobs ostwärts von Wilt Carstiens 1 Diemat Heidfeld in Erbpacht nehmen. Er verzichtete jedoch, „weil die beyden da stehenden Hütten berüchtigt wären, dass Diebstahl daselbst begangen würde“. In der Tat hatten diese Kolonisten keinen guten Ruf, besonders der Musketier Gerd Folts nicht. Er war vom Bataillon des Obristen von Courbière in Emden (der als Förderer von Gottfried Seume und später als Verteidiger von Graudenz gegen napoleonische Truppen bekannt wurde) beurlaubt, wegen Diebstahl jedoch nach Emden zum gerichtlichen Verhör gebracht worden. Er wurde behördlich überwacht. (Nach Martin Wilken, Münkeboe-Moorhusen.) Sie hatten 6 Kinder.

Dann muss Gerd Folts gestorben sein. Denn am 23. Februar 1781 heiratet Fraucke Harms in Engerhafe Hindrich Hinrichs Meyer, 1758 in Moordorf geboren. Ein Kind wird ihnen 1782 geboren, dann muss auch Hindrich Meyer gestorben sein und sie heiratet Hinrich Ennen, er ist ebenfalls Musketier. Von ihm ist kein Geburtsdatum bekannt, wir wissen auch nicht wo und wann sie geheiratet haben. Von allen drei Ehemännern ist kein Sterbeeintrag in den Kirchenbüchern Engerhafe vorhanden. Von ihrem ersten und ihrem letzten Ehemann ist bekannt, dass sie Soldaten waren, wahrscheinlich Hindrich Meyer ebenfalls. Sie werden sicher alle in Ausübung ihres Soldatenberufs außerhalb der Kirchengemeinde Engerhafe verstorben sein. Fraucke Harms wohnte zuletzt an den Upender Äckern, Moorburger Straße 106, wo vorher ihre Schwester Mareke wohnte. Die Familie Harms die hier heute wohnt, ist nicht mit Fraucke Harms verwandt. Fraucke Harms stirbt am 27. März 1817 im Alter von 79 Jahren an einer hitzigen Krankheit und wird auf dem Friedhof Engerhafe beerdigt.

Das zweitgeborene Kind Lübbe Harms wird am 02. Mai 1744 geboren. Er heiratet am 04. Mai 1777 in Engerhafe die 10 Jahre jüngere Liesbeth Thomaßen, die aus Holtrop stammt. Sie bekommen sechs Kinder von denen eins im Jahre von vier Jahren an einem Kreuzotternbiss stirbt. 1779 wollte Lübbe Harms ein Haus auf einem Grundstück bauen, das Behrend Harms und Jan Peters aus Upende gehörte. Darüber entstand ein langer Streit, an dessen Ende dem Lübbe Harms im Siepkeland ein anderes Stück Land (Langereck 8, hier wohnte später sein Sohn Thomas) zugewiesen wurde. Zwei Jahre später aber beschwerten sich die Einwohner von Upende wieder über ihn, weil er angeblich 100 Stück Vieh, dass er aus fremden Dörfern angenommen hatte, auf ihrer Gemeindeweide weiden ließ. Außerdem sollte er den Kuhhirten der Gemeinde Upende bedroht haben. Die Upender behaupteten, diese Wildnis seit fast 500 Jahren gebraucht zu haben, „… wie denn auch selbst der uhralte Gemeinheits-Brief d. 9. April 1518 bey der Königl. Kriegs- und Domainen-Cammer abgegeben worden …“. Es folgte dann ein langes, wehleidiges Klagelied, dem auch eine Bescheinigung des Engerhafer Pastors Reershemius beigefügt war. Dieser schrieb u.a.: „… das hat man solches auf Erfordern nach der Wahrheit attestiren; aber auch noch ganz besonders bescheinigen wollen, das der Lübbe Harms von Kindesbeinen an, ein überaus schlechtes und bösartiges Gemüth gehabt, und von Jugend auf ein liederlicher Bettel-Junge gewesen der bey Wegen und Stegen, wie er größer geworden, leider nicht viel Gutes ausgeübet. Der sich in seinen Jünglings-Jahren weder um Gott, noch seinem Wort, noch um die gantze christliche Religion bekümmert hat, und kaum weiß, daß ein Gott ist; daher auch das verachtet, was wohlgesitteten Unterthanen und gute Christen zieret … und wie sehr wünschte man, dass das Gerücht, wie er contra Sextum (gegen das sechste Gebot) und besonders contra Septimum peccire (gegen das siebte Gebot gesündigt hat) nicht möchte begründet seyn …“.

Sowohl die Klagen der Upender Einwohner als auch das Attest des Pastoren werden reichlich übertrieben gewesen sein. Die Angelegenheit wurde vom Amt in Aurich untersucht. Lübbe Harms erwiderte, dass er ein Stück Land geheuert hätte, auf dem er sein Vieh weidete, dass aber die Upender mehr als 200 Stück Vieh auf sein Land getrieben haben. Man habe ihn von seinem Grund und Boden vertreiben wollen. Er selbst weide nur 60 Stück Vieh. Das Amt ermahnte ihn, sich künftig so zu verhalten, dass die Nachbarn sich nicht beschweren könnten. Dieser Lübbe Harms war 1744 in Moorhusen geboren. Sein Vater war ein Tagelöhner, der früh gestorben war. Die Kinder hatten es schwer um im Leben durchzukommen. Lübbe Harms scheint ein tatkräftiger, cleverer Bursche gewesen zu sein, der sich mit allen Mitteln gegen seine Widersacher behauptet hat. Er ist als wohlhabender Warfsmann im Jahre 1829 gestorben (Nach Martin Wilken – Münkeboe und Moorhusen).

Lübbe Harms wohnt später in der Moorhuser Dorfstraße 3. Er stirbt am 18. Januar 1829 und wird in Engerhafe beerdigt. Seine Frau stirbt drei Jahre später. Ihre Kinder Harm, Jann, Iddelt und Lübbe hatten ebenfalls Hausbesitz in der Moorhuser Dorfstraße.

Vom drittgeborenen Kind Frerck Harms, genannt „Plüntjer“, gibt es wenig zu berichten. Er ist am 14. April 1746 geboren, heiratet 1772 Elske Warntjes, die aus Rahe stammt. Sie bekommen 7 Kinder, von denen vier schon im Kindesalter sterben. Im Engerhafer Kirchenbuch wird er als Arbeiter zu Moorhusen genannt. Er war insgesamt vier mal verheiratet, mit seiner zweiten Frau hatte er noch zwei Kinder. Frerck Harms wird in Victorbur begraben und bei seinem Tod als Warfsmann in Victorbur bezeichnet.

Das viertgeborene Kind Jann Harms, am 08. Januar 1749 geboren, ist später Einwohner bei Moorhusen und wohnt am Brannlander Weg 1. Vor seiner Heirat 1774 mit Willemcke Gerdes, hat er drei Jahre als Knecht auf Drennhusen bei Wirdum gedient, in Wirdum hat er auch seine Frau kennengelernt. Jann Harms wird 1811 Opfer eines nächtlichen Einbruchs. Im Kirchenbuch Engerhafe steht als Todesursache: „gestorben an den ihm geschlagenen Wunden, denn kurz vorher wurde er bey einem nächtlichen Einbruch von Dieben angefallen und so jämmerlich geschlagen, daß alle angewandten Mittel vergeblich waren, um sein Leben zu retten“. Seine Frau stirbt 1831 im Alter von 86 Jahren, sie hatten zwei Kinder.

Das fünfte Kind Ike Harms, am 26. November 1751 geboren, ist später Einwohner hinter den Oldeborger Äckern, am Siegelsumer Moorweg 25. Er heiratet am 11.05.1781 in Engerhafe Wüpke Hinrichs. Sie bekommen 9 Kinder. 1787 finden wir im Kirchenbuch, bei der Geburt der Tochter Gretje, die Eintragung: „ob furtum in carcerem inject est“ wegen Diebstahl ins Gefängnis geworfen. Ike Harms und seine Frau sterben 1812 innerhalb eines Monats an Nervenfieber (Thyphus).

Iddelt Harmens ist das sechste Kind, er wird am 28. Januar 1755 geboren und nur 10 Tage alt.

Mareke Harmens ist das jüngste Kind, sie ist am 31. August 1759 geboren. Sie möchte 1789 Focke Burggraf, Musketier im Preußischen Bataillon zu Emden heiraten. Sie bestellen das Aufgebot beim Pastor in Engerhafe aber zur Trauung kommt es nicht, weil Focke Burggraf vorher zum Tode verurteilt wird. Sie hat, wahrscheinlich mit ihm, 3 uneheliche Kinder. Im Kirchenbuch von Engerhafe steht: „Nota: Diese Personen haben nicht copuliert werden können, weil der Musquetier Focke Burggraf den 27. October am Montage des Abends etwa 8 Uhr, in dem sogenannten Wirtshause die Nadörst genannt am Kreutzwege des Sandweges bey Norden, den Junggesellen Ede Ocken des Warfsmanns Ocke Eden, so des Herrn Regierungs-Rath von Briesen Platz heuerlich bewohnet, 2ten erwachsenen Sohn mit dem Meßer boshafter Weise ohne Wort und Widerwort im Unterleibe erstochen, so daß die Gedärme herausgefloßen, und darauf des Nachts um 12 Uhr, ob man gleich den Herrn Doctor Weyerts aus Norden hat holen laßen, dahin gestorben. Der Mörder ist darauf erst nach Norden gefänglich gebracht, dann am 1ten November aber nach Emden zum Bataillon transportiret; den 3ten November aber 1789 daselbst auf dem Strohbusche unter Bedeckung des Militairs decolliret (enthauptet), und so in seinen Kleidern in die Erde unter dem Galgen eingescharret worden“.

Am 22. August 1791 heiratet sie den 1761 in Stapelmoor geborenen Adolph Kayser, Musketier im Frei-Bataillon des General-Majors von Courbière zu Emden, in der Kompanie des Hauptmann Isings. Er ist Kolonist hinter den Oldeborger/Upender Äckern. Über ihn wird im Kirchenbuch folgendes berichtet: „Nota: Dieser Musquetier ist darauf im Mai 1792, wie er sich zu Emden bey dem Depot-Bataillon einstellen sollen, desertiret, und außerhalb Landes geflüchtet, weil ihm durch was ihm zufiel – davon man nichts gewisses sagen kann, der Daum aus der rechten Hand rein weggeschlagen worden. Die Frau ist ihm nachher mit dem Mädchen und einem Sohn nach gezogen“. Sie wohnten an den Upender Äckern, Moorburger Straße 106.

Zu Adolph Kayser gibt es noch eine weitere Eintragung im Kommunikanten-Register Engerhafe 1790: „Adolph Kayser beurlaubter Musquetier des königl. Preüß. Depot-Bataillons zu Emden unter der Compagnie Hr. Majors v. Isings des weyland Anton Kayser gewesenen Chirurgus und Olitaeten Krämers zu Stapelmoor, und Mutter Anna Elisabeth Hintzen nachgelassener Sohn; beyderseits römisch Catholischer Religion; laut Attestati Hr. Predigers Pannenbörg und sonstiger Einwohner datiert den 3. Juli 1780. War im 29. Jahre laut Extr. & Prot: S.D. 1 Aug. 1788, lebte mit Mareke Harms hinter die Oldebörger-Äcker im Concubinat; Versprach aber auf das Feyerlichste, wie er selbige ehelichen Wolle, da sie schon 3 uneheliche Kinder gezeuget, wenn er nur von seiner Frau Marecke N. die sich im holländischen aufhalten müßte, aber nicht wüßte wo, abgeschieden wäre. Er meldete sich den 6. Januar 1790, mit dem Versprechen sich künftig zu beßern, und rechtschaffen aufzuführen.

Adolph Kayser und Mareke Harms tauchen Jahre später in Rechtsupweg wieder auf. Er nennt sich jetzt Jann Adolph Kaiser, sie Maria Harms. Sie haben inzwischen 3 weitere Kinder bekommen. Vom letzten Kind, Gretje Adolphs Kaiser ist bekannt, dass sie um 1802 in Holland geboren wurde. Adolph Kaiser stirbt im Jahr 1834 in Rechtsupweg. Mareke Harms ein Jahr später in Marienhafe.

Gerd Lücken

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