1696 „nur so beerdiget“ in Engerhafe

In den Kirchenbucheintragungen des 17. und 18. Jahrhunderts findet man des Öfteren Begebenheiten, die es dem Kirchenbuchführer wert waren festgehalten zu werden. Im Jahr 1696 findet sich folgender Eintrag bei den Verstorbenen und Begrabenen:
„Emcke Mennen d. 17. Nov. begraben. Weil er aber niehmals sich des Hl Abendmahls gebrauchet ist Er so beerdiget hatte auch nicht sollen verläutet werden haben etliche der Nachbarschaft gewaltthätiger Weise solches verrichtet.“
(Emcke Mennen am 17. Nov. begraben. Weil er niemals am Abendmahl teilnahm, ist er ohne Gesang und Predigt beerdigt worden, auch die Kirchenglocken sollten nicht geläutet werden aber die Nachbarn haben es mit Gewalt erzwungen.)

Emcke Mennen
Abbildung: Beerdigungseintrag des Emcke Mennen, 1696.

Dieser Eintrag ist sehr ungewöhnlich und man findet derlei selten. Hier wurde dem Leichnam des Emcke Mennen vom damaligen Pastor eine christliche Beerdigung verweigert. Dieses geschah sonst nur beim Selbstmord oder wenn ein Kind ungetauft gestorben war. Hier müssen also gewichtige Gründe vorgelegen haben, die zu dieser für damalige Verhältnisse schwerwiegenden Entscheidung geführt haben.

Einen genauen Grund für die Verweigerung der christlichen Beerdigung wird man nach über 300 Jahren nicht mehr nennen können. Es soll hier versucht werden, mögliche Gründe dafür zu untersuchen und zu nennen.

Die Kirchenbücher

Diese Eintragung fällt in die Anfangszeit der Führung von Kirchenbüchern. In der Marienhafer Kirchenordnung von 1593, die von vielen Pastoren der Umgebung, auch vom damaligen Engerhafer Pastor Bernadus Gerardi mit ausgearbeitet und unterzeichnet wurde, stand:
„Es soll auch bey jeden kirchen ein buch sein, drein die namen der tauflingen sampt den eltren und gevattren auf dato jars, monatz und tages von prediger ahngeschriben werden, den es ihn sterbenszeiten und sunst zutragen kan, das man diser sachen schriftliche zeugnus haben muß.“
(Es soll in jeder Kirche ein Buch vorhanden sein, in dem die Namen der Getauften, mit Angabe der Eltern und des Datums, vom Pastor festgehalten werden, um z. B. beim Todesfall nachweisen zu können, ob er ein Mitglied der Kirche ist.)

Der Grund für die Führung von Kirchenbüchern war also, dass man mehr Kontrolle über den Familienstand der Gemeindeglieder haben wollte. Wer war getauft? Wie hießen Eltern und Taufpaten? Aber auch, wer war mit wem verheiratet? Wollte man in einer fremden Gemeinde am Abendmahl teilnehmen oder heiraten, musste man eine schriftliche Bestätigung der Heimatgemeinde beim Pastor vorlegen.

Kirchenbuch 1666
Abbildung: Die erste Kirchenbucheintragung aus dem Jahr 1666 in Engerhafe. Vorgenommen vom Pastor Henricus Brawer. Er war 1666 nach Engerhafe gekommen.

Auch heute noch muss eine Dimissoriale vorgelegt werden, wenn jemand in einer fremden Gemeinde kirchlich heiraten möchte, sich konfirmieren lassen will oder beerdigt werden soll.

Dies kann inzwischen auch telefonisch zwischen den beteiligten Pfarrämtern geschehen. Wer Taufpate werden möchte, benötigt dazu einen Patenschein, der auch vom zuständigen Pfarramt ausgestellt wird. Hiermit weist man nach, das man getauft, konfirmiert und Mitglied der jeweiligen Gemeinde und damit in der Lage ist, das Patenamt auszuführen.

Wenn auch mit der Marienhafer Kirchenordnung die kirchenrechtlichen Grundlagen für das Führen von Kirchenbüchern geschaffen wurden, hat es dann noch eine Weile gedauert, bis man dazu überging die Daten der Taufen, Heiraten und Beerdigungen aufzuzeichnen, denn erst seit 1666 liegen uns die ersten Aufzeichnungen für Engerhafe vor. Die ersten uns vorliegenden Kirchenbücher aus der näheren Umgebung fallen alle in diese Zeit (Marienhafe 1680, Osteel 1712, Victorbur 1620, Wiegboldsbur 1700). Ab 1726 wurden in Engerhafe alle Kommunikanten (Abendmahlsteilnehmer) aufgeführt. Das findet sich früher oder später auch in anderen Gemeinden. In Engerhafe wurde dieses Buch allerdings sogar noch bis 1960 weitergeführt.

Diese Kirchenbücher sind die Grundlage der Familienforscher um ihre Vorfahren zu ermitteln, solange bis am 1. Oktober 1874 in Preußen die Standesämter eingeführt wurden, die ein Personenstandsregister zu führen hatten.

Vom Abendmahl

Zurück zu unserem Eintrag vom Jahr 1696. Hier wollte also der damalige Pastor, – es muss Christoph Henning, zwischen 1695 und 1706 Pastor auf der Osterpastorei, der 2. Pastorei sein – den Verstorbenen nicht christlich beerdigen. Zu einer christlichen Beerdigung gehörten damals vor allem drei wesentliche Dinge: 1. die Leichenpredigt, 2. christliche Gesänge durch den Organisten mit den Schulkindern und 3. das Läuten der Kirchenglocken. Der Grund für die Verweigerung wird auch mit angegeben: das nicht gebrauchen, das heißt keine Teilnahme am Abendmahl.

Das klingt für uns heute sehr befremdlich. Auch das den Nachbarn, die mit dem Vorgehen des Pastors anscheinend nicht einverstanden waren, es so wichtig war, dass wenigstens die Glocken zur Beerdigung läuten sollten, dass sie dies sogar gewaltsam – eigenhändig – verrichteten, können wir heute nur schwer einordnen. Hier muss also das Abendmahls-Verständnis und auch das vom Begräbnis der damaligen Zeit eine wesentlich andere sein, als heutzutage.

Aufklärung bietet ein Buch von David Warren Sabean: „Das zweischneidige Schwert“; 1990. Er untersucht Visitationsprotokolle aus Württemberg aus der Mitte des 16. Jahrhunderts. Diese Visitationen durch den Superintendenten fanden damals jährlich statt und ein immer wiederkehrendes Thema war das Anzeigen von Kirchenmitgliedern, die eine Teilnahme am Abendmahl verweigerten.

Die Verhältnisse in Ostfriesland waren damals ein wenig anders. Die Gemeinden bauten und unterhielten, im Gegensatz zu den Württembergern, ihre Kirche und ihre Pfarrstellen aus eigenen Mitteln. Eine Aufsicht duldeten die ostfriesischen Kirchengemeinden darum damals nicht. Sie waren finanziell unabhängig und konnten noch 1744, als Ostfriesland preußisch wurde, auf ihre Selbstverwaltung pochen und ihre eigenen Kirchenordnungen gestalten und durchführen.

Visitationen gab es aber auch hier und die Gründe für die Abendmahlsverweigerung dürften ähnlich sein. Hier wie dort ging es nicht darum, dass die Teilnahme durch Unachtsamkeit unterblieb, sondern ganz bewusst verweigert wurde.

Die Gründe der Verweigerung wurden im Buch von David Warren Sabean auch angesprochen. Die Menschen des 16. Jahrhunderts hatten Angst davor, das Abendmahl unwürdig einzunehmen. Diese Angst ist auch heute noch vereinzelt festzustellen. Sie gründet sich vor allem auf die Bibelstelle im 1. Kor. 11; 27 ff: „Wer nun unwürdig von dem Brot isst oder aus dem Kelch des Herrn trinkt, der wird schuldig sein am Leib und Blut des Herrn. Der Mensch prüfe aber sich selbst, und so esse er von diesem Brot und trinke aus diesem Kelch. Denn wer so isst und trinkt, dass er den Leib des Herrn nicht achtet, der isst und trinkt sich selber zum Gericht. Darum sind auch viele Schwache und Kranke unter euch, und nicht wenige sind entschlafen.“

Ein unwürdiges Einnehmen von Brot und Wein kann laut Paulus zur Folge haben, dass die Gesundheit oder sogar das Leben bedroht wird.

Worin besteht nun diese Unwürdigkeit die Paulus meint. Im Korintherbrief steht die Antwort in den vorausgehenden Versen. 1. Kor. 11; 20 ff: „Wenn ihr nun zusammenkommt, so hält man da nicht das Abendmahl des Herrn. Denn ein jeder nimmt beim Essen sein eigenes Mahl vorweg und der eine ist hungrig, der andere ist betrunken. Habt ihr denn nicht Häuser, wo ihr essen und trinken könnt? Oder verachtet ihr die Gemeinde Gottes und beschämt die, die nichts haben?“

Paulus beschreibt Praktiken der ersten Christen von Korinth, wo einige, wahrscheinlich Wohlhabende, die nicht arbeiten mussten und deshalb schon frühzeitig, vor der eigentlichen gemeinsamen Eucharistiefeier, eintrafen und das Abendmahl für sich vorwegnehmen. Ein Abendmahl nicht, wie wir es heute kennen, sondern wahrscheinlich ein komplettes Abendessen, an deren Ende dann die eigentliche Abendmahlsfeier stattfand. Dabei blieb für die später Kommenden nichts mehr übrig. Das Ergebnis ist, dass die korinthischen Gemeindeglieder zu ihrem Schaden zusammenkommen: Diese Zusammenkunft zum „Herrenmahl“ stärkte nämlich nicht die Einheit, sondern führte zu Zwietracht.

Die Menschen des 16. Jahrhunderts haben aber diese Zusammenhänge anscheinend aus den Augen verloren oder aber, sie wurden sogar ganz bewusst verfälscht, für sie gilt, dass Unbußfertige für das Abendmahl unwürdig sind und nicht teilnehmen dürfen.
Worin sahen sie nun diese Unwürdigkeit? Sie bestand nach Meinung der damaligen Zeit daraus, dass eine vorhergehende Vergebung von individueller Schuld nicht stattgefunden hatte. Bei Verstößen gegen die Ordnungen von Staat und Kirche wurden die Kirchenmitglieder aufgefordert dies zu bekennen (Beichte), dann konnte die Vergebung (Absolution) durch den Ortspastor zugesprochen werden und dies alles wurde mit dem Abendmahl festgemacht. Würdig für das Abendmahl war derjenige, der seine Schuld bekannte, seinem Gegner vergeben hatte und dem die Vergebung zugesagt worden war.

Außerdem verbanden vor allem die Lutheraner das Abendmahl auch noch mit dem Altar und einem Dankopfer, das am Altar oder in der Nähe zu entrichten war. Sie konnten somit aus der Bergpredigt Matthäus 5, Vers 23 zitieren: „Darum: wenn du deine Gabe auf dem Altar opferst und dort kommt dir in den Sinn, dass dein Bruder etwas gegen dich hat, so lass dort vor dem Altar deine Gabe und geh zuerst hin und versöhne dich mit deinem Bruder, und dann komm und opfere deine Gabe.“

Nun hatten einige ein Problem damit, ihren Widersachern zu vergeben. Dazu kam, dass man bei einer Rechtssache solange abwartete, bis ein Urteil gesprochen wurde. Erst nachdem gerichtlich geklärt war, wer schuldig war, konnte überhaupt eine gegenseitige Vergebung stattfinden.

Außerdem gab es Menschen, die der Auffassung waren, ihnen war von den Vertretern der öffentlichen Ordnung Unrecht getan worden. Auch diese waren im Unfrieden mit den jeweiligen Personen und sahen sich nicht in der Lage, das ihnen geschehene Unrecht zu verzeihen. Hier wurde durch das Fernbleiben vom Abendmahl, auch der Protest gegen die ungerechte Behandlung durch die Obrigkeit offenbar.

Das alles nahmen die damaligen Christen und auch die Pfarrer sehr ernst. Eine Teilnahme am Abendmahl war nur möglich, wenn man mit Gott und mit seiner Mitwelt im reinen war. Mit dem Abendmahl wurde nach außen gezeigt, das keine verborgene Schuld vorhanden war.

Zum Abendmahl gehörte aus den vorgenannten Gründen natürlich auch eine gründliche Vorbereitung. In der Marienhafer Kirchenordnung von 1593 lesen wir:
„Vom h. abentmall des Hern
Zum h. abentmall des Hern soll jede kirch eigen tischtug, kelch, schussel und kandel haben, aufen altar oder tisch des Hern fein sauber zu gebrauchen. Und sollens die communicanten kniend empfangen ahn einen ende des altars oder tisches das gesegentes brot, ahm andren den kelch mit geburlicher reverenz und andacht. Die, so communiciren wollen, sollen mugen den prediger ansprechen, haeuficht die speciallvermanunge und -absolution zu horen, aber die, so sonderliche beschwerung haben oder enzelen zu kommen mer gesinnet, sollen den prediger auch ihn sunderheit und alleine mugen ahnsprechen, umb unterricht, radt und trost zu bekommen. Es sollen die prediger als getrouwe zeelsorger die leute zur oftmaligen communion vermanen und wichtige ursache wissen dem volke ahnzuzeigen, warumb sie oft und viel behoren zum tische des Hern zu gen.
Die, so niemals oder ein raume zeit nicht zum tische des Hern gewest, sollen ohne entzlan ahnsprechen nicht zugelassen werden. Die vermanung von nachtmall des Hern soll nicht zwischen die fruhepredigt und hohepredigt (weil solches der zeit halben dem volke vast ungelegen), sundren einen predigtag zuvor geschen. Und soll auch die disciplin alsdan geburlich und nach nottrufft der sachen geubet werden, da zuvor der proceß nach Christi regel (Matt. 18 [15ff.]) gehalten oder die sache also beschaffen, wie Paulus 1. Timoth. 5 in fine meldet, da die regel gilt: Die da sundigt, den straffe offenbar, auf das die andre sich auch furchten, 1. Timoth. 5 [20] etc.“
(Vom Abendmahl
Für das Abendmahl soll jede Kirche ein eigenes Tischtuch, einen Kelch, einen Teller und eine Kanne, auf dem Altar oder Abendmahlstisch stehen haben. Die Teilnehmer sollen das Abendmahl kniend empfangen, auf der einen Seite des Altars oder Tisches das gesegnete Brot und auf der anderen Seite, mit der erforderlichen Andacht, den Wein. Die Teilnehmer sollen sich vorher zur Teilnahme anmelden, sollen an der Beichte mit Sündenvergebung teilnehmen und diejenigen mit großer Sündenlast und solche die ein Einzelgespräch wünschen, sollen den Pastor ansprechen, um Unterricht, Rat und Trost zu bekommen. Die Prediger sollen die Gemeindeglieder zum Abendmahl anhalten und die Gründe darlegen, warum es nötig ist.
Diejenigen, die noch nie oder eine lange Zeit nicht am Abendmahl teilgenommen haben, sollen ohne eine Einzelansprache nicht zugelassen werden. Diese Vorbereitung auf das Abendmahl soll nicht zwischen dem Früh- und Hauptgottesdienst erfolgen, sondern einen Predigttag vorher. Hat jemand gesündigt, so soll er nach Christi Gebot zurechtgewiesen werden.)

Die Abendmahlgäste mussten sich am Vortag zur Teilnahme anmelden. Teilnehmer die Schuld auf sich geladen hatten oder diejenigen, die lange nicht zum Abendmahl gegangen waren, wurden in einer Einzelbeichte ihre Sünden erlassen. Unbußfertige wurden dagegen nicht zum Abendmahl zugelassen.

Ein Beispiel davon findet man im Kommunikantenregister der Kirchengemeinde Engerhafe. Der Pastor Reershemius hatte Ostern 1800 im Protokollbuch folgendes eingetragen:
„Von dem Königl. Preuß. Wohllöblichen Husaren Regiment des Herrn General-Major v. Blücher Hochwohlgeb., der Esquadrons des Herrn Obrist Lieutenant v. Proschen, so hieselbst einquartiret waren, haben sich einige, des Sonnabends zur heiligen Communion, auf den 1 ten heiligen Oster Feyertage, bey mir angegeben und sind, da sie auf befragen bezeuget, daß sie sämtlich der evangelischen Lutherischen Confession ergeben wären, zum heiligen Abendmahl, öffentlich im Choro Templi (Chor der Kirche) admittiret (zugelassen) worden. (Martin Wilken; Ut verleeden Tiden, fortlaufende Serie im Gemeindebrief Engerhafe).

Ein weiteres Beispiel aus dem Jahr 1790:
„Adolph Kayser beurlaubter Musquetier des königl. Preüß. Depot-Bataillons zu Emden unter der Compagnie Hr. Majors v. Isings des weyl. Anton Kayser gewesenen Chirurgus und Olitaeten Krämers zu Stapelmoor, u. Mutter Anna Elisabeth Hintzen nachgelassener Sohn; beyderseits römisch. Catholischer Religion; laut Attestati Hr. Predigers Pannenbörg u. sonstiger Einwohner D.D. d. 3. Jul. 1780. War im 29 Jahre laut Extr. & Prot: S.D. 1 Aug. 1788 lebte mit Mareke Harms hinter die Oldebörger-Äcker im Concubinat; Versprach aber auf das Feyerlichste, wie er selbige ehelichen Wolle, da sie schon 3 uneheliche Kinder gezeuget, wenn er nur von seiner Frau Marecke N. die sich im holländischen aufhalten müßte, aber nicht wüßte wo, abgeschieden wäre. Er meldete sich d. 6. Januar 1790, mit dem Versprechen sich künftig zu beßern, und rechtschaffen aufzuführen.

Abendmahl als Disziplinierungswerkzeug für die Gemeinde. Abendmahl, das den Menschen schaden kann. Abendmahl, mit dem die Kirche und der Staat Macht auf die Gemeindeglieder ausübte. Verweigerung des Abendmahls aber auch als Protest gegen unkorrekte Amtsträger.

Da kann man es verstehen, wenn noch heute einigen Kirchenmitgliedern dabei ein ungutes Gefühl befällt und sie eher weniger teilnehmen oder sogar ganz dem Abendmahl fernbleiben.

Wie soll Abendmahl nun gefeiert werden? Darüber entbrannte schon gleich nach der Reformation ein heftiger Streit zwischen den Katholiken, Lutheranern und den Reformierten. Dabei ging es allerdings vor allem nicht um das vorgenannte Thema, hier war man sich anscheinend einig, sondern was Wein und Brot bedeutet. Erst mit der „Leuenberger Konkordie“ von 1973 wurde eine Abendmahls-Gemeinschaft innerhalb der meisten evangelischen Kirchen möglich.

Dabei ist das Abendmahl eines der zentralen Sakramente der Christenheit. Die Feier des heiligen Abendmahls geht auf das letzte Mahl zurück, das Jesus am Abend vor seiner Kreuzigung mit seinen Jüngern hielt.

In Erinnerung an dieses letzte Mahl feiern wir im Gottesdienst das Abendmahl und teilen dabei Brot und Wein, wie Jesus es mit seinen Jüngern teilte. In dem Teilen von Brot und Wein feiern Christen die Gegenwart von Jesus Christus im Gottesdienst und erfahren dabei die unmittelbare und heilende Nähe Gottes zu den Menschen. Dabei ist klar, dass wir als Menschen nicht sündlos leben können – aber Christus hat uns losgemacht von Sünde und Schuld.

Vom Begräbnis

Neben dem Abendmahlsverständnis der damaligen Zeit kommt noch das besondere Verständnis für die Beerdigung. In unserem Fall wollten die Nachbarn zumindest das Glockengeläut durchsetzen, wenn man auch den Pfarrer nicht zwingen konnte, die Beerdigung mit allen Zeremonien durchzuführen. Hier war anscheinend noch vorreformatorisches Gedankengut in den Menschen verankert. Man war der Meinung durch bestimmte Gebete und Handlungen, die Zukunft des Verstorbenen beeinflussen zu können. Das war allerdings nicht Lehrmeinung der Theologen der damaligen Zeit. Wenn wir wieder unsere Kirchenordnung aus dem Jahre 1593 zur Hand nehmen, lesen wir:
Von begrebnus
1.] was zur begrebnus getan wirt, das alles kan den versturbenen kein hilfe schaffen, sundren es deinet nur den lebendigen etc.
9.] Uber die leiche aber der vorechter und unbußvertigen soll der prediger, da es begiret wirt, ander matery handlen, den solchen leuten betrifft, den andren zur warnung, soll sich aber myt kein geld noch gabe dazu erkaufen laßen, die godtlosen zu loben und also das predigampt ihn schimpf bringen etc.
10.] Das gesang uber die begrebnuß soll ahn kirchenhove ahngefangen und aber nicht von sterbhause ahn uber die gassen getriben werden; den die leut machen das gesang mererteils zum gespreng und wollen es allermeist uber die godtlosen zum pracht mißbrauchen etc.

Also alles, was zur Beerdigung gemacht wird, dient nicht mehr dem Verstorbenen, sondern den Hinterbliebenen (Punkt 1). Wie groß hier die Unterschiede zwischen katholischem und evangelischem Verständnis sind, können wir bei der Kirche Goldenstett sehen, die im Grenzgebiet zwischen dem Münsteraner- und dem Lüneburgischen Land liegt. Sie wurde bis zum Jahr 1850 von Lutheranern und Katholiken gemeinsam genutzt. Über das Vorgehen bei einem Begräbnis lesen wir bei Dirk Faß; Mehr als nur der Tod, 2005, S. 27ff:
„Alle Leichen des ganzen Kirchspiels, lutherische wie katholische, wurden auf dem genannten Friedhofe vom katholischen Pastor unter Begleitung des lutherischen Küsters beerdigt.
Bei den katholischen Leichen auf münsterschen Territorium wurde ganz nach katholischem Ritus verfahren. Bei katholischen Leichen auf lüneburgischem Gebiete aber, sowie bei allen lutherischen Leichen wurde weder Weihwasser ausgesprengt, noch wurden die üblichen drei Spaten voll Erde auf den Sarg geschüttet. Das nach der Beerdigung übliche Gebet wurde bei lutherischen Leichen nicht für den Verstorbenen, sondern „für die Seelen aller hier ruhenden Gläubigen“ gesprochen.
Der protestantische Küster leitete bei allen Beerdigungen den Gesang (im Sterbehause wie unterwegs) und musste das Kreuz voraustragen lassen. Den Weihwasserkessel musste der katholische Organist mitnehmen. Die münsterschen Leichen wurden an den Vormittagen, die lüneburgischen nachmittags beerdigt. Bei dem an Vormittagen bestatteten Katholiken, wurde sofort nach der Beerdigung eine Trauermesse gelesen und bei den am Nachmittag beerdigten lüneburgischen Leichen, gleichviel ob katholisch oder lutherisch, wurde eine Predigt gehalten.“

Diese lutherische Variante ist auch heute noch Lehrmeinung in der evangelischen Kirche, obwohl wir feststellen, dass heute wieder vereinzelt für Verstorbenen gebetet wird und auch sakrale Handlung und Mystik immer mehr in den Gottesdiensten integriert werden und dabei der Eindruck erweckt wird, als wenn dadurch die Erlösung der Christen erwirkt werden kann.

Bei Punkt 9 der Kirchenordnung über das Begräbnis, sehen wir aber das auch Verächter und Unbußfertige ein christliches Begräbnis erhalten sollen. Allerdings soll der Prediger hier zur Warnung der anwesenden Gemeinde passende Bibelstellen (ander matery) zur Predigt aussuchen.

Das hatte der Pastor aus Engerhafe seinerzeit so nicht angewendet, er war erst ein Jahr in Engerhafe Pastor und wollte vielleicht ein Exempel statuieren. Möglich wäre auch das schon vorher Konflikte bestanden haben. Pastor Christoph Henning stammte aus Oldeborg, sein Vater war fürstlicher Vogt und auch sein Großvater der 1663 im Capitalschatzungsregister erwähnt wird, war in Oldeborg ansässig. Im Verzeichnis der Prediger von Ostfriesland, aufgestellt von Reershemius, wird erwähnt das Pastor Henning 1706 removiert (entfernt) wurde. Vielleicht gab es noch weitere Fälle in denen er seine seelsorgerische Aufgaben hintenan gestellt hatte und stattdessen eine mehr herrschende Amtsausübung an den Tag legte.

Diese hier geschilderte äußere Form von Beerdigungen hat sich noch sehr lange gehalten. In einem Visitationsbericht aus dem Jahr 1935 der Kirchengemeinde Engerhafe, schildert Cornelius Eberhard Schomerus, der vom 31. August 1930 bis zum 31. Oktober 1941 Pastor in Engerhafe war, folgenden Ablauf:

„Eine Beerdigung vollzieht sich in drei Teilen. Zuerst findet eine Trauerfeier im Sterbehaus statt, die von dem Gesang der Kinder unter Leitung des Organisten umrahmt wird. Nach Schriftlesung wird eine freie Rede gehalten, die mit einem freien Gebet schließt.
Der zweite Teil ist am Grab und besteht in Friedenswunsch (z. B.: „Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus“), Bestattungsformel I (z. B.: „Von Erde bist du genommen, zu Erde sollst du wieder werden. Jesus Christus, unser Erlöser, wird dich auferwecken am Jüngsten Tage“), Vaterunser und Segen. Alles wird wieder umrahmt durch den Gesang der Kinder.
Zum Abschluss der Beerdigung geht die Trauergemeinde in die Kirche, wo eine Leichenpredigt gehalten wird. Im Allgemeinen bringe ich in der häuslichen Feier mehr das Persönliche und in der Predigt in der Kirche die christliche Botschaft über Tod, Gericht und Ewigkeit und über den Überwinder des Todes und den Glauben an ihn.“

Dieser Ablauf einer Beerdigung ist also über ca. 400 Jahre so beibehalten worden, bevor er sich in unserer Zeit radikal geändert hat.

Vom Glockenläuten

Schwierig wird es, die damalige Wichtigkeit des Glockenläutens zu interpretieren. Während man heute das Glockenläuten als Ruf zum Gebet bei bestimmten Tageszeiten und als Ankündigung eines Gottesdiensts gebraucht, so kann es im 17. Jh. noch eine andere Bedeutung gehabt haben.

Glocken gelten als das Sinnbild der Harmonie. Auch schreibt man ihnen die Fähigkeit zu, durch ihr Geläut Himmel und Erde miteinander zu verbinden.

Marcus Schmidt, der Beauftragte für das Glockenwesen in Thüringen schreibt in seinem Aufsatz: Thüringer Glocken – ein historischer Abriss. „Glocken fokussieren mit ihrem Klang die Gebete von uns Christen an Gott.“ und „Glocken führen einen Dialog des Himmels mit der Seele des Menschen“.

Siek Postma, Pastor in der Krummhörn, wird in dem Buch „Moden und Maneren“, in einem Beitrag in dem es über „Den Doden verlüden“ geht, mit den Worten zitiert: „Bei einer Beerdigung läuten eigentlich die ganze Zeit die Glocken und zeigen jeden Schritt an. So nehmen im Ort auch die Menschen daran teil, die aus gesundheitlichen Gründen nicht bei der Beerdigung dabei sein können. Den Angehörigen wiederum vermittelt dieses feste Ritual ein Gefühl der Sicherheit.“

Dies sind einige Aussagen heutiger Zeit über das Glockenläuten, insbesondere im Zusammenhang mit der Beerdigung. Sie können uns die Wichtigkeit, die sie in der früheren Zeit hatten nicht mehr klarmachen und die wahren Gründe bleiben im Dunkeln.

Zusammenfassung

Ich denke, zusammenfassend kann gesagt werden, den Menschen des 16. bis hin zum 18. Jahrhundert, war es wichtig, alles Erdenkliche zu tun um ihr Seelenheil zu erlangen. Die Frage, wie bekomme ich einen gnädigen Gott, war die wichtigste im Leben der früher lebenden Menschen. Heute ist die Frage ob es überhaupt einen Gott gibt, bei vielen Menschen nicht geklärt.

In den einschlägigen Vorschriften und Kirchengesetze der damaligen Zeit waren die Lehren der Reformation enthalten. Es wurde darin aber auch sehr stark auf das Verhalten der Gemeindeglieder Einfluss genommen. Inwieweit die Bevölkerung der damaligen Zeit, die Dogmen der Reformation für sich schon verinnerlicht hatten oder aber noch in der der vorreformatorischen Zeit mit Fegefeuer, Seelenmesse usw. verfangen waren, ist sicher schwer zu sagen.

Dazu kam, dass neben der weltlichen Obrigkeit auch die Kirche auf ihre Mitglieder Macht ausüben wollte. Wer nicht nach den Spielregeln der Kirche handelte, dem wurden Heil und Erlösung abgesprochen. Manchmal kamen auch persönliche Angelegenheiten dazu, das wäre auch in diesem Fall möglich, weil der Vater des Pastors Vogt im Dorf war und er und der Verstorbene unter Umständen aneinander geraten waren.

Engerhafe_Altar2

Abbildung: Altaraufsatz der Engerhafer Kirche. Bild: Matthias Süssen

Das Abendmahls muss früher einen ganz anderen Stellenwert gehabt haben. Man sieht es am Altaraufsatz der Engerhafer Kirche aus dem Jahr 1698, also 2 Jahre nach dieser Begebenheit aufgestellt. Während die wichtigeren kirchlichen Tage wie Karfreitag und Auferstehungstag einen eher kleineren Part einnehmen, ist das Abendmahl das zentrale Element. Dazu kommen noch die beide Kniebänke, auf denen der Reformator Hus mit dem Brot und Luther mit Kelch zu sehen sind.

Wenn man heutzutage mit offenen Ohren Gottesdienste verfolgt, kann man wahrnehmen dass vereinzelt immer noch (oder schon wieder) Kirchenmitgliedern suggeriert wird, dass die Kirche seinen Mitgliedern die Erlösung durch Taufe, Konfirmation und christliche Beerdigung bewerkstelligen kann. Ganz im Gegensatz zu den Aussagen der Bibel, die wir z. B. im Johannesevangelium nachlesen können: „Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben“.

Gerd Lücken

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