1250 Wie alles begann

Wie alles begann …

von Jürgen Hoogstraat, Victorbur

Aus den Anfängen der Engerhafer Kirchengeschichte.

Als Beginn der eigentlichen Engerhafer Kirchen- und damit Ortsgeschichte gilt immer wieder das Jahr 1250. In jedem Fall gilt, dass 1250 nicht als eigentliches Gründungsdatum der Engerhafer Kirche oder auch als Beginn der Besiedlung dieses Teils des Brookmerlandes anzusehen ist, sondern dass die Anfänge des jetzigen Kirchenbaus und damit auch der Anfang für die Besiedlung des späteren Engerhafe in die Mitte des 12. Jahrhunderts gehören. Anders gesagt: „Engerhafe“ ist älter als 750 Jahre!

Die heutige wuchtige und beeindruckende St. Johannes der Täufer Kirche ist weder um 1250 in einem Zuge fertiggestellt worden, noch ist sie die älteste Kirche im Dorf gewesen. Die Kirchwarf der Upstreeksiedlung „Butae“ (buten de Ee, also außerhalb des Flüsschens Ehe) zwischen den ähnlich strukturierten Siedlungsgebieten von Uthwerdum/Victorbur und Siegelsum/Marienhafe gibt in ihren unterschiedlichen Schichten auch Auskunft über die Zeit, bevor der erste romanische Bauabschnitt entstand.

Noch ehe mit einer planmäßigen Besiedlung des Brookmerlandes begonnen wurde, haben schon kleinere Familien oder Familienverbände hier gelebt und den Geestboden bewirtschaftet. Auch die spätere Kirchwarf von Engerhafe wird bereits in kleinem Rahmen besiedelt gewesen sein, bevor größere Gruppen von Siedlern aus der Marsch begannen, die Sandböden des „Landes im Bruch“ planmäßig zu erschließen.

Spuren dieser kleinen Ansiedlungen finden sich bis heute und weisen uns in die Zeit der ersten Bewohner des Brookmerlandes. Das erste Zentrum dieser Besiedlung war Wiegboldsbur, das auch schon in alten klösterlichen Heberegistern erwähnt wird, bevor die anderen Orte Südbrookmerlands sich formiert hatten.

Verschiedene Gründe haben Menschen im 12. und 13. Jahrhundert dann bewogen, neue Siedlungsgebiete zu erschließen. In vielen Gebieten Deutschlands war die Zahl der Bevölkerung angewachsen und neue Siedlungen wurden angelegt. In Ostfriesland kam die stetige Bedrohung der Küstenbewohner durch die Nordsee hinzu, die manchen Familienverband bewog, einen Siedlungsplatz im höher gelegenen und so vermeintlich sichereren Geestland zu suchen. Der Chronist Eggerik Beninga weiß noch Jahrhunderte später von diesen Bedrohung zu berichten. So bemerkt er für das Jahr 1230, es habe „een groet unweder…“ gegeben und „vele dusent menschen versopen…“.

Ganz Friesland sei praktisch vom Wasser bedeckt gewesen. Auch für die Jahre 1155 und 1164 berichtet er von verheerenden Sturmfluten. Diese durch die Bedrohung von der Nordsee her verursachten Bevölkerungsbewegungen hat es immer wieder gegeben. Belege dafür sind reichlich vorhanden. So findet sich der Familienverband des Bohle Gayken aus dem Raum Manslagt/Pilsum nach der großen Flut im Jahre 1686 im Brookmerland ein und noch die Sturmflut von 1825 veranlasste u.a. die Familie Gross, die Krummhörn zu verlassen und sich nun auf der Geest anzusiedeln. In der Engerhafer Gemarkung lassen sich bis heute die alten Deichlinien erkennen und die Bedrohung der Region durch die Sturmfluten zu jener Zeit sichtbar werden.

Die in der Zeit vor 1250 kommenden Siedler aus den Marschgebieten kamen in Siedlungsgebiete, die völlig neue Organisationsformen erforderlich machten. An der Küste hatten sie in lang vertrauten Siedlungsformen, Rund- oder Langwarfen gewohnt, die künstlich aufgeschüttet – vor allem Schutz vor der Nordsee bieten sollten.

In der von der Nordsee weiter entfernten neu besiedelten Geest konnten andere Siedlungsformen gewagt werden, lange Straßensiedlungen entstanden, deren Anwohner das Land in geradliniger Verlängerung des Wohnplatzes bis zum angrenzenden Moor zu nutzen begannen.

Das bis ins 18. Jahrhundert allgemein geltende „Upstreeksrecht“ kannte als Grenzen so nur das Moor und die von den jeweiligen Nachbarn beanspruchten Upstreeken. Wohl durch die intensivere Bebauung unterschied man Victorbur und Theene schon bald in Oster- und Westervictorbur bzw. Oster- und Wester-Theene, von Uthwerdum ist eine solche Scheidung nicht bekannt geworden. Engerhafe entwickelte sich in ähnlicher Form wie die anderen Upstreekssiedlungen, die größere Nähe zum Küstenverlauf verrät die Ortsbezeichnung Uiterdyk, außerdem bildete sich in einiger Entfernung von der Kirche das „Engerhafer Loog“.

Galt das Brookmerland zunächst mehr oder weniger als „Anhängsel“ des wesentlich länger organisierten Emsigerlandes (des Großraumes „Krummhörn“), so begann sich bald die ganze Stärke des neu entstandenen jungen Territoriums zu zeigen. Dabei waren weltliche, „politische“ und „kirchliche“ Gemeinden keineswegs getrennt zu betrachten wie in späteren Zeiten, sondern beide treten als eine Einheit auf. Mächtige Kirchspiele entstehen: St. Lambertshofe (der dem heiligen Lambert gewidmete Bereich), St. Victorishofe (der dem heiligen Victorbur geweihte Bereich), Marienhofe (Der der heiligen Maria gewidmete Bereich) und Butae/Utengerhofe (das heutige Engerhafe). Die später hinzukommende Endung – bur bezeichnet die weltliche – dem „geistlichen Bereich“ zugeordnete Ansiedlung.

Die gemeinsame Entstehungszeit und der innere Zusammenhang der brookmerländer Kirchenbauten in dieser Zeit wird noch von der Sage der drei Schwestern bewahrt, auf die die Kirchenbauten zurückzuführen seien. In Engerhafe führt die Legende den Kirchenbau auf die Schwester namens Engel zurück. Im Grunde wird es sich bei dieser Sage um den Versuch der Ortsnamensdeutung handeln, dessen eigentliche Bedeutung im Laufe der Jahrhunderte in Vergessenheit geraten war. Sie zeigt jedoch sehr schön die Erinnerung an die große Zeit der gemeinsamen Entstehung der kirchlichen Großbauten des Brookmerlandes. Tatsächlich stehen aus der Sicht der Krummhörn die Kirchen von Osteel, Marienhafe, Engerhafe und Victorbur damals wie Schwestern in einer Reihe. Der Blick war noch nicht durch spätere Bebauung verstellt.

Ausgrabungen in Engerhafe haben ergeben, dass die ersten Siedler wenigstens einen, wenn nicht sogar zwei Kirchenbauten vor der jetzigen St. Johannes der Täufer Kirche errichtet haben. Es handelt sich jeweils um Holzkirchen, von denen mindestens eine einem Brand zum Opfer fiel. Das zeugen Reste von Asche und verkohltem Holz im Kirchenboden. Lässt sich auch über die Gestalt dieser frühen Holzkirchen wenig genaueres sagen, ist doch noch einiges aus ihrer Zeit erhalten. Überall in den romanischen Kirchen Ostfrieslands finden sich noch Sarkophagdeckel aus rotem Sandstein. Diese aufwendig importierten Sarkophagdeckel weisen auf die weitreichenden Handelsbeziehungen hin, die damals bereits bis ins Rheingebiet bestanden. Die Verzierungen der Sarkophagdeckel mit dem Krummstab erinnern bis heute an die Worte des 23. Psalms: „Dein Stecken und Stab trösten mich…“, der schon seit tausenden von Jahren Trauernden Kraft und Hoffnung gegeben hat. In vielen Kirchen Nordwestdeutschlands haben sich ähnliche Sarkophagdeckel erhalten.

Während diese besonderen Sarkophagdeckel wohl besonderen Persönlichkeiten vorbehalten blieben, wurden ansonsten die Menschen in Holzsärgen bestattet. Aus der Zeit der Victorburer Holzkirchen ist zum Beispiel ein Holzsarg gefunden worden, in dem noch gut erhaltene Kleidungsreste des Verstorbenen erhalten waren: eine gewebte Haube und halbhohe Schuhe sind wichtige Zeugnisse für die Frühzeit des Brookmerlandes.

Mit der stetigen Aufwärtsentwicklung des Brookmerlandes wuchs der Wunsch nach politischer und damit kirchlicher Unabhängigkeit. Obwohl die Bedeutung des Brookmerlandes immer größer wurde, hatten Obrigkeiten aus der Marsch noch immer das Sagen. Um 1250 erfolgte der Durchbruch im Streben nach Unabhängigkeit: das Brookmerland tritt erstmals als selbstständig handelnde politische Größe in Verhandlungen mit dem Emsigerland auf. Anlass zu einer kirchlichen Neuorientierung brachten zunächst die Übergriffe eines Priesters Wilbrand aus Hinte, der sich massiv in innerbrookmerländer Angelegenheiten einmischte und diese Einmischung mit dem Leben bezahlte.

Dem allzu machthungrigen Dekan (unseren heutigen Superintendenten vergleichbare, mit einem Laien besetzte Führungsposition) Liudward von Hinte wurde der Einfluss über das Brookmerland entzogen und der Weg zu einer eigenen kirchlichen Organisation des Brookmerlandes war frei.

Die Streitigkeiten endeten mit einem Vertragsabschluss im Jahre 1251, in dem die Brookmerländer Kirchen bereits genannt werden. Der Vertrag war als Sühnevertrag geschlossen worden, da die Brookmerländer den Priester Wilbrand von Hinte ermorden und Besitzungen des Propstes niedergebrannt hatten. Der Streit um die allzu große Einflussnahme des Münsterschen Bischofs und seiner Abgesandten schwelte noch bis 1276.

Der Bischof von Münster, zu dessen Einflussbereich das Brookmerland gehörte, hat seit der Mitte des 13. Jahrhunderts versucht, durch „Nuntii“ (Abgesandte/Botschafter) Einfluss zu nehmen. Zentrum seiner Machtausübung im Brookmerland war die „Olde-Borg“. Mindestens seit 1413 gehörte die Burg jedoch zum Einflussbereich der Familie tom Brook.

In einem beispiellosen Kraftakt waren im Brookmerland nunmehr fünf Großkirchen errichtet worden, die neben ihrer Bedeutung für den Glauben der Menschen das neu gewonnene Selbstbewusstsein einer jungen aufstrebenden Region dokumentieren. Ganz unterschiedliche, über die Jahrhunderte immer wieder stark veränderte Großbauten entstanden in Osteel, Marienhafe, Engerhafe, Wiegboldsbur und Victorbur.

Obwohl diese Kirchen alle in einem bestimmten Zusammenhang entstanden, sind heute sehr unterschiedliche Bauten erhalten. In die Anfangszeit des „Kirchenbaubooms“ im 13. Jahrhundert gehört der Ostteil der Engerhafer Kirche, der baugeschichtlich sehr eng mit der Kirche von Pilsum zusammengehört. Ohnehin muss man mit den baugeschichtlichen wie geistesgeschichtlichen Verbindungen weit über den engen Brookmerländer Rahmen hinausgehen, will man den Kirchenbaumeistern jener Zeit gerecht werden. Die Baugestaltung der romanischen Kirchen Ostfrieslands ist in ihren Ursprüngen Einflüssen aus der Lombardei (Italien) unterlegen und ist über viele Vermittlungsstufen bis ins Brookmerland gedrungen.

Die nach dem Ende des Holzkirchenbaus nun neu angewandte Backsteinbautechnik ist sehr wahrscheinlich über die Backsteinbaukunst im Verdener Raum weiter nach Norden vorgedrungen. Ein wichtiges Bauwerk aus dieser Zeit ist das Zisterzienserkloster in Ihlow, dessen Mönche wohl mit für die Verbreitung der neuen Techniken sorgten. Und nicht nur Techniken wurden weitergegeben: sehr wahrscheinlich ist auch die Verehrung bestimmter Heiliger mit nach Ostfriesland gekommen.

Wann genau der Bau der heutigen Engerhafer Kirche begonnen wurde, lässt sich nicht mit letzter Eindeutigkeit sagen. Mit großer Sicherheit begannen die Menschen im ersten Drittel des 13. Jahrhunderts noch einmal den die Holzkirche tragenden Kirchhügel zu befestigen und damit die Voraussetzungen für einen dauerhaften Kirchenbau zu schaffen. Sehr wahrscheinlich müssen wir uns wandernde Bauhütten mit Experten im Backsteinbau vorstellen, die die Fachkenntnis vor Ort brachten und die Einwohner zu Hilfsdiensten verpflichtete. Unweit der Kirche werden die Ziegel gebrannt worden sein, die man für das große Bauvorhaben benötigte.

Nach baugeschichtlichen Untersuchungen dürfte die wohl um 1220 errichtete Kirche im Osten eine halbrunde Apsis – ein typisches Merkmal ostfriesischer Backsteinkirchen dieser Epoche – gehabt haben. Der Ostabschnitt der jetzigen Kirche ist im Grunde genommen der eigentliche „Jubilar“ des Jahres 2000, der Westabschnitt der Kirche – schon allein zu erkennen an der völlig unterschiedlichen Fassadengestaltung – ist jünger als 750 Jahre. In der westlichen Verlängerung des 1250 schon existierenden Baues erkennt man unschwer die Formensprache der frühen Gotik.

Die oft besondere Gestaltung der Westbereiche der Brookmerländer Kirchen könnte verschiedenen Zwecken gedient haben: hier könnten führende Persönlichkeiten aus einer Loge dem Gottesdienst beigewohnt haben oder es könnte sich der Taufbereich hier befunden haben: der im Westen der Kirche Getaufte nähert sich von hier aus dem Altarbereich im Osten.

Der wuchtige romanische Engerhafer Kirchenbau in seiner ersten Gestalt erzählt trotz aller Veränderungen etwas vom Lebensgefühl der Menschen des beginnenden 13. Jahrhunderts: der große erhabene Raum mit spärlicher Beleuchtung sollte etwas von der Erhabenheit Gottes widerspiegeln, der Sicherheit und Schutz bot. Wie in Ostfriesland üblich, befanden sich die Eingangstüren an Nord- und Südseite. Der „neuere“ Bauabschnitt in frühgotischer Prägung verrät etwas von der neuen Einstellung mittelalterlicher Baumeister: der helle lichte Raum sollte etwas von der „Himmelstadt“ erzählen, in der Gottes Schöpferwirken nachgespürt werden konnte.

 

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